Paartherapie oder Paarberatung: Unterschiede und wie man die passende Fachperson findet
Was Paartherapie und Paarberatung unterscheidet, welche Titel in der Schweiz etwas aussagen und wie Sie in fünf Schritten die passende Fachperson finden.
Typische Anlässe, Warnsignale im Streit und die Frage, ob es zu spät ist: woran Paare erkennen, ob Paartherapie oder Paarberatung jetzt passt.
Viele Paare zögern lange, bevor sie Hilfe holen. Man will es erst allein schaffen, fürchtet, dass eine Therapie das Ende einläutet, oder weiss nicht, ob «es schon so schlimm ist». Dieser Ratgeber zeigt, bei welchen Anlässen Paarberatung oder Paartherapie sinnvoll sein kann, welche Muster im Streit ernst zu nehmen sind, ob es ein «zu spät» gibt – und wann eine gemeinsame Therapie nicht der richtige erste Schritt ist.
Die von der reformierten und der katholischen Kirche getragene Paarberatung im Kanton Zürich nennt auf ihrer Website unter anderem diese Anliegen, mit denen Paare kommen:
Dazu kommen Anlässe, die eine Beziehung erschüttern: eine Affäre oder ein anderer Vertrauensbruch, Streit über Kinderwunsch, Geld oder Sexualität, eine schwere Krankheit, ein Todesfall oder eine psychische Erkrankung eines Partners. Für die Situation nach einer Affäre gibt es eine eigene Übersicht unter Paartherapie nach Affäre und Fremdgehen.
Paare ohne akute Krise, die vorbeugen wollen, finden auch Kurse. Ein Beispiel aus der Schweiz ist Paarlife, ein nicht kommerzielles, wissenschaftlich fundiertes Angebot der Universität Zürich, das gemeinsame Stressbewältigung, Kommunikation und Problemlösen fördert.
Streit gehört zu jeder Beziehung. Entscheidend ist, wie gestritten wird. Der amerikanische Psychologe John Gottman beschreibt vier Kommunikationsmuster, die nach der Forschung seines Instituts das Ende einer Beziehung vorhersagen können. Er nennt sie die vier apokalyptischen Reiter:
Wer diese Muster bei sich wiedererkennt, muss nicht annehmen, dass die Beziehung gescheitert ist – auch das betont Gottman. Es ist aber ein guter Zeitpunkt, mit Unterstützung neue Wege zu üben, bevor sich die Muster verfestigen.
Für konkrete Konflikte, Entscheidungen und Übergänge reicht oft eine Paarberatung. Sie ist meist kürzer und wird in der Regel selbst bezahlt; öffentliche und kirchliche Stellen verrechnen häufig Tarife nach Einkommen, und die Kantone müssen dafür sorgen, dass sich Ehegatten an solche Stellen wenden können (Art. 171 ZGB).
Eine Paartherapie bei einer psychotherapeutisch ausgebildeten Fachperson ist naheliegend, wenn die Krise tief geht oder wenn eine psychische Erkrankung eines Partners die Beziehung prägt. Die Krankenpflege-Leistungsverordnung nennt die Paartherapie ausdrücklich als mögliche Form der Psychotherapie (Art. 2 KLV); die Grundversicherung zahlt allerdings nur, wenn eine Erkrankung behandelt wird, bei psychologischen Psychotherapeutinnen auf ärztliche Anordnung (Art. 11b KLV). Die Unterschiede im Detail erklärt der Ratgeber Paartherapie oder Paarberatung.
Einen festen Punkt, ab dem eine Paartherapie «nichts mehr bringt», gibt es nicht. Schwieriger wird es, wenn sich Verletzungen über Jahre angesammelt haben, wenn einer innerlich schon gegangen ist oder wenn eine Affäre weiterläuft. Ein paar Fragen helfen bei der Einschätzung:
Wenn die Frage eigentlich lautet, ob man sich trennen soll, hilft der Ratgeber Paartherapie oder Trennung? weiter.
Bei Gewalt in der Beziehung. Das Interventionsprotokoll des Kantons Freiburg hält fest, dass eine herkömmliche Paarberatung nicht sinnvoll ist, solange Gewalt ausgeübt wird oder Gewalthandlungen erst kurz zurückliegen. Zuerst geht es um Sicherheit. Die Opferhilfe berät unter 142 kostenlos und vertraulich; bei akuter Gefahr wählen Sie die Polizei unter 117.
In einer akuten seelischen Krise. Bei Suizidgedanken oder wenn jemand nicht mehr weiterweiss, ist sofortige Hilfe wichtiger als ein Termin in zwei Wochen. Die Dargebotene Hand ist rund um die Uhr und kostenlos unter 143 erreichbar, in einem medizinischen Notfall gilt die Nummer 144.
Wenn eine Erkrankung im Vordergrund steht. Eine unbehandelte Depression, eine Sucht oder eine andere psychische Erkrankung belastet jede Beziehung. Oft braucht es dann zuerst eine Abklärung und Behandlung des betroffenen Partners – die Paartherapie kann begleitend oder danach sinnvoll sein.
Eine Garantie gibt es nicht, und wer sie verspricht, ist unseriös. Was eine Paartherapie leisten kann: Muster sichtbar machen, die man von innen nicht sieht, Gespräche ermöglichen, die zu Hause eskalieren, und beiden helfen, den eigenen Anteil zu erkennen. Ob das gelingt, hängt auch davon ab, ob sich beide bei der Fachperson ernst genommen fühlen. Achten Sie im Erstgespräch darauf, ob beide gleichermassen Raum bekommen, und vereinbaren Sie nach einigen Sitzungen eine Zwischenbilanz.